EU lässt Inflation frei also doch Bitcoin?

16-07-2021

Am 15. Juli hat die europäische Zentralbank ihr Inflationsziel von “nahe, aber unter zwei Prozent” nach 20 Jahren über Bord geworfen: "Zwei Prozent sei keine Obergrenze mehr für das Geld der Eurozone". Bei Inflationsraten in den USA von über fünf Prozent und etwa 2,3 Prozent in der Eurozone ist s eigentlich bloss eine Anpassung der Notenbankstatuten and der Realität.

Sven Wagenknecht hält eine gute Besprechung der Problematik in einem Video für BTC-Echo. Sein Fazit:

  • Trotz der ultralockeren Geldpolitik muss es dennoch nicht zu einer realwirtschaftlichen Inflation kommen, die über die Corona-Nachholeffekte hinaus geht. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass nur die Ausweitung der Geldmenge allein noch nicht zu steigenden Preisen bei Waren und Dienstleistungen führen muss.
  • Am Ende des Tages geht es um Vertrauen und nicht um eine Inflationsrate von unter oder knapp über zwei Prozent. Massive Inflationen, gar Hyperinflationen, sind schließlich immer auch das Resultat von verloren gegangenem Vertrauen in die Währung. Solange dieses in breiten Teilen der Bevölkerung vorhanden ist, können auch höhere Inflationsraten die Währung nicht erschüttern. Damit nun dieses Vertrauen gestärkt wird, sind Notenbanken Meister der strategischen Kommunikation.
  • Notenbankpolitik ist keine Wissenschaft, sondern eben Politik. Geld ist ein soziales Konstrukt und kein Naturgesetz. Nach außen versucht man den Eindruck zu erwecken, dass Notenbanken tatsächlich in der Lage sind, präzise die Geldwertstabilität zu steuern. Das gewünschte Ergebnis: Vertrauen in das Geldsystem zu schaffen.
  • Unser Geld- und Finanzsystem ist aber zutiefst chaotisch und nicht in dem Maße zu steuern, wie gerne vorgegeben wird. Wenn politische Reformen der Staaten ausbleiben und diese in finanzielle Schieflage geraten, dann ist die Notenbank die letzte Rettung. Zumal sie nicht nur Staaten mit Liquidität aushelfen, sondern gleichzeitig gegenüber dem Finanzmarkt maximale Souveränität und Entschlossenheit demonstrieren müssen. Folglich haben die Notenbankentscheidungen weniger mit objektiver Wissenschaft, als mit Marktpsychologie, Politik und Ideologie zu tun.
  • Wenn Notenbanken Bitcoin kritisieren, wie oft genug in den letzten Tagen geschehen, dann ist das eben Ideologie und nicht fundierte Wissenschaft. Gleichermaßen ist es aber auch Ideologie, wenn ein Bitcoin-Enthusiast beansprucht, dass Bitcoin das beste Geld der Welt ist. Die maßlose Selbstüberschätzung der Menschen, die vermeintlich wissen, was die beste politische Ausrichtung ist, spiegelt sich auch auf die Frage nach unserem Geldsystem wider.
  • Unter der Prämisse, dass der Euro, US-Dollar etc. lediglich Ausdruck einer politischen Präferenz sowie von vorherrschenden Machtstrukturen sind, sind Kryptowährungen nichts weiter als eine politische Minderheit oder kleine Splitterpartei in einem als Einparteienstaat organisierten politischen System. Ein Krypto-Verbot wäre demnach eine höchst undemokratische Angelegenheit, solange nicht das zugrundeliegende Blockchain-Protokoll gegen das Grundgesetz verstößt. Schließlich wird in einer Demokratie auch keine Partei verboten, die sich an das Grundgesetz hält.
  • Niemand muss Bitcoin gut finden, sehr wohl aber tolerieren, sofern er oder sie für eine liberale Grundhaltung eintreten. Entsprechend wäre es zu begrüßen, wenn die Strategieänderungen der Notenbanken sowie ihre Bitcoin-Kritik als politische und nicht als hochwissenschaftliche Entscheidungen dargestellt werden. Kurzum: Es geht um nichts Geringeres als eine Entzauberung der Notenbanken.
  • Bitcoin wird nicht all die finanzpolitischen Probleme lösen können. Sehr wohl aber bietet Bitcoin ein Gegengewicht zum dominierenden Standard. Eine Art Opposition, die im demokratischen Diskurs, einen wichtigen Beitrag leisten kann. Der minimalistische Ansatz, die apolitische Natur und vor allem die Knappheit von Bitcoin können so zusätzlichen Wettbewerb anstoßen, der langfristig zu einer erhöhten volkswirtschaftlichen Wohlfahrt führt.
  • Beim aktuellen Herumexperimentieren mit der Modern Monetary Theory (MMT) seitens der Notenbanken, ist es wünschenswert, wenn Bitcoin ein monetäres Fangnetz bietet.

Und so bietet Sven Wagenknecht ein schönes Gegengewicht zu den Bitcoin-Maximalisten wie Michael Saylor, die mit Hilfe von Physik und technischem Jargon Bitcoin als das thermodynamisch überlegene Geld präsentieren als ob es ein mathematischer Beweis wäre. Tatsächlich hat auch eine weit überlegene Technologie ohne politische Unterstützung und Zustimmung kaum eine Chance. Aber schön, dass es diese Dynamik zwischen zwei Welten gibt – mit der Einsicht, dass mit zunehmender Kartellbildung in der Parteipolitik Initiativen wie Bitcoin die eigentliche demokratische Opposition sind. Ohnehin ist es für Bitcoin besser dass die Annahme sehr langsam verläuft vielleicht kommt der Endsieg von Bitcoin erst in 30 Jahren wenn eine neue Generation von Politikern am Ruder steht für die Bitcoin seit frühester Kindheit so vertraut ist wie die Mobiltelefone für die jetzt heranwachsenden Generation.